In der Theorie sind Selbstverteidigungs-Kurse ( SV-Kurse )eine gute Idee. Man zeigt einer Gruppe von besorgten eine kleine Menge an effektiven Techniken und/ oder Verhaltensweise für typische Situationen. Und übt diese dann. Je nach Kurs ist auch Körpersprache, Fluchtverhalten und erkennen von Gefahrensituationen ein Teil des Unterrichts.

In der Regel machen diese Kurse Spaß und geben den Teilnehmern ein gewisses Selbstvertrauen. Wo ist also das Problem?

Hier meine Liste der meiner Meinung nach 5 größten Probleme. Ich gehe auf diese auch gleich noch etwas detaillierter ein.

  1. Der Umfang der Stunden reicht nicht aus, um den Kursinhalt wirklich zu verinnerlichen, obwohl oft  nur “Gesunder Menschenverstand” geschult wird
  2. Die meisten Schutz- und Gegentechniken sind zum einen stark vereinfacht und trotzdem noch zu komplex um fest verankert werden zu können
  3. Die geschulten Verhaltensweisen zur Sicherheit sind richtig werden aus vielen Gründen aber schnell wieder vergessen oder ignoriert
  4. Fokus auf nicht so relevante physische Attribute
  5. Um ein Gefühl der Sicherheit zu geben, wird die Erfolgsaussicht geschönt

Problem #1: Gesunder Menschenverstand und die Dauer des Selbstverteidgungs-Kurses

questionDie wirklich guten Tipps sind halle mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar. “Geh nicht in Gegenden, wo Dir Gefahr droht”, “Meide Clubs mit einem Ruf” und “Halte dich von Leuten wie X,Y,Z fern.” Das sind alles sehr gute Tipps. Die, wie beim “gesunden Menschenverstand” so oft der Fall, im Nachhinein auch perfekt Sinn machen. Nur im Voraus weiss man eben nicht was passieren wird. Ob der Weg von A nach B riskant ist, hängt von vielen Dingen ab und ist nicht immer klar ersichtlich. Dazu kommt auch, dass viele Personen, die lernen wollen sich zu schützen, dies tun, weil sie eben in solche Situationen kommen und dann für den schlimmsten Fall gewappnet sein wollen.

Auch sind die typischen Tipps was die Ziele angeht eigentlich die, die man sich denken kann. Augen. Hals. Der Unterleib bei Männern. Auf die Zehen oder gegen das Schienbein treten. Gut, dass das endlich mal jemand gesagt hat, auf die Idee wäre ja keiner gekommen. Problematisch sind hier nur zwei Dinge: Zum einen eskalieren Angriffe auf diese Ziele  das Gewaltlevel drastisch, zum anderen ist die Hemmschwelle um so höher, um so mehr Schaden ein solcher Angriff verursachen könnte. Kombiniert mit der geringen Kursdauer kommt es zu halbherzigen oder schlecht gezielten Angriffen auf “gefährliche” Ziele. Die Stufe der Gewalt wird also eskaliert, ohne dass eine entsprechende Wirkung eintritt. Das Opfer befindet sich also nach der Aktion gegebenenfalls in einer deutlich schlechteren Position als davor, da der Angreifer wohl nicht die gleichen moralischen Werte hat.

Oft zieht sich der Instruktor der Kurse (oder sein bemitleidenswerter Helfer) einen Ganzkärperschutzanzug an, und lässt sich vermöbeln, damit die KursteilnehmerInnen mal zulangen können und eine Idee bekommen, wie sich sowas unter Gegenwehr anfühlt. Auch hier wieder: Gute Sache. Eigentlich. Aber nach der kurzen Zeit wird weder die Zielgenauigkeit noch die Härte da sein, um ein Ergebnis zu erzielen. Auch hat der Angreifer ein gutes Interesse daran zu verlieren, weil sich ja alle wohlfühlen wollen.

Fertigkeiten zu erlernen braucht Zeit

Und das bringt uns direkt zum nächsten Punkt:

Problem #2: Selbst einfachste Techniken brauchen Zeit erlernt zu werden

Jemanden eine Gruppe von Techniken zu zeigen, und dann zu erwarten, dass man sich verteidigen kann ist naiv. Das mag jetzt den einen oder anderen wundern, bin ich doch ein Fan von (und Trainer für) American Kenpo, bei dem genau diese SV-Techniken einen großen Teil des Programms einnehmen. Aber im Kenpo sind diese Techniken kein Selbstzweck (oder sollten es nicht sein). Sie geben Ideen vor und stellen Drills dar die in der Kombination mit dem was davor und danach gelehrt wird ein sinniges Ganzes ergeben. Losgelöst vom Rest sind sie nicht unbedingt sinnig.

Da diese Techniken aber wirklich ein guter Teil des Kenpo sind, habe ich hier schon viel gesehen und weiss, wie lange es dauern kann, bis ein einfacher Ablauf souverän gegen eskalierende Angriffe eingesetzt werden kann.

Und ja, ich habe hier von einer Technik gesprochen. Die Regelmäßig geübt wird. Unterrichtet man in einem kurzen Zeitrahmen mehrere Techniken, so wird es noch schwerer.

Den Ablauf zu speichern ist eine Sache. Ihn korrekt abzurufen eine zweite. Ihn erfolgreich umzusetzen eine dritte. Um Mike Tyson zu zitieren:

Jeder hat einen Plan, bis er getroffen wird.
Mike Tyson

Geringe Trainingsdauer kombiniert mit Stress sorgen für eine nochmalige Herabsetzung der Chancen.

Problem #3: Umsetzen

Sicherheit ist in erster Line Kopfsache. Man fühlt sich sicher, wenn man der Meinung ist, dass man die Gefahr im Griff hat. Ein Kurs macht für einen gewissen Zeitraum potentielle Gefahren bewusster. Man achtet mehr auf Dinge, die sein könnten. Mit der Zeit lässt die Achtsamkeit aber nach. Es erfordert Energie aufmerksam zu sein. Und nach einiger Zeit scheint die Kosten:Nutzen Rechnung nicht mehr aufzugehen.

Wer nach dem Lesen eines guten Krimi- oder Spionageromans mal eine Zeitlang seinen Sitzplatz im Lokal danach ausgewählt hat, ob sich niemand ungesehen annähern kann weiss was ich meine. Nachdem ich “Tokio Killer” ( das Buch ist jetzt als “sanfter Tod in Tokio” erhältlich, und noch immer sehr empfehlenswert )  gelesen habe, habe ich einige der Verhaltensweisen umgesetzt. Aber der Aufwand lohnt sich für mich nicht, da ich eben kein Ex-Agent bin, und extra Sicherheit bedeutet immer auch extra Unanehmlichkeiten

Problem #4: Der Fokus liegt oft auf den falschen Attributen

boxingWeder Kraft noch Ausdauer sind das primäre Problem. Und doch wird hier der oft meiste Wert drauf gelegt. Lange Zeit auf Polster oder Gepanzerte Gegner ein zu kloppen macht Spaß und gibt einen dieses gute Gefühl was gemacht zu haben. Man hat gearbeitet. Und fühlt das. Der Schwabe sagt “abg’schafft.” Genau das ist die Idee eines Workouts. Man macht sich platt und fühlt sich gut. Aber ein Workout ist kein Training. Und 60 Sekunden auf jemanden oder etwas wild einzuprügeln ist nicht wirklich hilfreich.

Wenn jemand zum Fußball Training geht, dann weil er gerne Fußball spielt, schon ganz gut ist und besser werden will. In den meisten anderen Sportarten ist das ähnlich. Bei einem SV Kurs (und bei vielen Kampfsportlern und Kampfkünstlern) ist aber genau das Gegenteil der Fall: Sie gehen zum Kurs weil sie eben nicht gut in solchen Dingen sind.

Die Zwei Dinge, die die meisten Leute zurückhalten sind aber nicht Kraft und Kondition, sondern Wille und Technik.

Im der heutigen Zeit ist Gewalt etwas negatives. Für die meisten kostet es große Überwindung körperliche Gewalt einzusetzen. Sie ist extrem tabuisiert. Dadurch entstehen sehr große Hemmschwellen. Selbst wenn es um den Schutz von sich selbst geht. Wichtig wäre es also, den Leuten den Willen zu geben sich zu verteidigen. Ab einem bestimmten Punkt die Kontrolle an das wildere Selbst zu übergeben. Und das ist keine leichte Sache. Vor allem, da dies zwar die Voraussetzung ist, aber nicht alles. Denn: die Technik muss ja auch stimmen.

Und, wie bereits gesagt: Das braucht eine gewisse Zeit.

Problem #5: Falsches Gefühl der Sicherheit

Der ultimative Tritt in die Klöten, der Griff in die Augen oder die Handkante zum Kehlkopf – das sind alles sehr effektive Dinge. Und, wenn sie wie erwartet klappen, dann ist auch alles schön und gut. Man sollte nur nicht vergessen, dass der Angreifer ein gewisses Gewaltpotential hat und sich mit großer Wahrscheinlichkeit seine Erfahrung im Kampf deutlich ausgeprägter und nicht nur auf einen SV Kurs beschränkt waren.

Er wird also seine Hüfte bewegen, den Kopf zur Seite nehmen und ggf. seinen Hals schützen. Die meisten Kerle lernen sehr schnell ihre Kronjuwelen aus der Schusslinie zu nehmen. Bei Augen und Hals haben wir natürliche Reflexe, die zum Schutz dienen. Hat der Angreifer Erfahrung in einer der Boxvarianten, so ist die Chance als relativ untrainierter auch nur in die Nähe des Kopfes zu kommen recht gering.

Und selbst wenn man trifft: hin und wieder stellt sich nicht der gewünschte Effekt ein. Schlag zu schwach oder zu unpräzise.

In dem Video hier kommen am Ende ein paar Damen zu Wort, die sich nun durchaus wehrhafter ansehen.

Und das nach einem halben Tag.

 

Eigentlich ist das ja kein so großes Problem. Aber falsche Sicherheit sorgt dafür, dass man eben nicht nach “Weiterbildungen” sucht. Sondern erstmal zufrieden ist. Und das kann nach hinten los gehen.

Fazit

SV-Kurse werden von vielen Schulen als Werbeveranstaltung für ihre regulären Kurse genutzt. Und in diesem Fall halte ich das auch wirklich für die beste Lösung. Ein regelmäßiges Training erhöht die Chancen. Ist in dem Training Sparring enthalten, wird es noch nützlicher.