Ein Gastartikel von Xitara

Was weißt du über die Unterschiede zwischen Angola und Regional? Die Capoeira Angola ist der langsame, ursprüngliche Stil, während die Capoeira Regional recht neu und modern ist? Stimmt, aber das ist nicht alles!

 

Die meisten Capoeiristas praktizieren nur einen der beiden Stile und können mit dem anderen eher wenig anfangen. Dementsprechend wissen viele auch viel über den eigenen Stil, aber fast nichts über den anderen. Das ging mir genauso, also habe ich recherchiert und diesen Artikel geschrieben.

Young male capoeira partners performing kicks indoors

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Die Capoeira Angola

Ursprung

Die afrikanischen Sklaven, die zur Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt wurden, kamen aus verschiedensten Regionen Westafrikas und gehörten verschiedenen Stämmen an. Trotzdem wurde bei ihrer Ankunft oft nur noch von “Sklaven aus Angola” gesprochen, da die genaue Herkunft für die Kolonialherren unwichtig war.

Die Sklaven arbeiteten auf den Fazendas der Weißen, wo es ihnen in einigen Fällen erlaubt war, ihre kulturellen Riten zu pflegen, nicht aber zu kämpfen. Wahrscheinlich entstand die Capoeira hier, unter den Augen der Aufseher, wo sie durch Musik, Gesang und langsame Bewegungen getarnt wurde und sich so kaum von den Tänzen und religiösen Riten der Sklaven unterschied.

“Die Schwarzen spielen Angola” sollen die Weißen dazu gesagt haben. Glaubten die Sklaven sich unbeobachtet, nahm die Capoeira wieder eher Züge eines Kampfes an, wurde schneller und gezielter.

Auch in den Quilombos wurde diese Capoeira wahrscheinlich praktiziert, allerdings bestand hier nicht mehr die Notwendigkeit, unauffällig zu trainieren, da die Schwarzen frei und unter sich waren. Ebenso wie ihre afrikanischen Tänze und Riten bewahrten sie aber auch die Capoeira, sowohl als Teil ihrer Kultur, als auch als Waffe gegen ihre Verfolger.

So überlebte die ursprüngliche Capoeira, obwohl verboten, auch nach dem Ende der Sklaverei. Besonders in den großen Städten wurde sie weiterhin von vielen Schwarzen als Kampftechnik genutzt, aber auch als Ausdruck ihrer Kultur auf Festen und Vorführungen gezeigt.

Im Untergrund bildeten sich Gruppen, die die Capoeira trainierten, unter der Aufsicht erfahrener Meister, die ihr Wissen weitergaben. Die Verfolgung durch die Polizei war unterschiedlich stark, sodass in manchen Zeiten fast sorglos geübt werden konnte, während die Meister in anderen Zeiten überhaupt nicht mehr unterrichteten, um nicht ins Gefängnis zu müssen.

Erst in den 1940er Jahren, als die Capoeira Regional entsteht, erhält die ursprüngliche Capoeira ihren jetzigen Namen Capoeira Angola, um sich von dem neuen Stil abzugrenzen.

 

Capoeira Angola in der Praxis

Das Spiel der Angola ist meist sehr langsam und kontrolliert. Die Bewegungen, die meist bodennah ausgeführt werden, wirken zwar oft wackelig und schwach, aber das täuscht, denn sie erfordern große Körperbeherrschung und können durchaus gefährlich werden. Rasteira, Role oder Meia-Lua de Compasso sind charakteristische Bewegungen der Angola, sie werden nah am Boden aber mit viel Kraft und Präzision ausgeführt.

Mestre Pastinha sagte einmal, er sehe beim Capoeiraspiel aus, als sei er besoffen, ich finde, das beschreibt es ganz gut. Und genau deshalb wird die Angola so oft unterschätzt oder als Tanz abgetan. Zu Unrecht, denn gegen einen guten Angoleiro haben nur die wenigsten Kämpfer eine Chance.

 

Doch nicht nur im Spiel unterscheiden sich Angola und Regional, auch in der Musik. Zum einen ist die Bateria, also die Instrumentengruppe, anders aufgebaut. Sie besteht aus drei Berimbaus, zwei Pandeiros, einem Atabaque, einem Reco-Reco und einem Agogo, die in der Regel alle im Sitzen gespielt werden. Zum anderen werden andere Lieder und Rhythmen gespielt als in der Regional, zum Beispiel die Rhythmen Angola, Sao Bento Grande de Angola und Sao Bento Pequeno de Angola. Auch auf die ladainha, die Litanei, wird beim Gesang großen Wert gelegt.

 

Auch die Uniform der Capoeiristas unterscheidet sich: In der Angola wird auch oft weiß getragen, allerdings meist normale Hosen, teils sogar Anzüge inklusive Schuhe. Auch Hüte gehören oft dazu. Viele Gruppen benutzen auch in Anlehnung an Mestre Pastinha die schwarz-gelbe Uniform seiner Schule, eine schwarze Hose mit einem gelben Shirt.  Besonders früher gab es die (ungeschriebene) Regel, beim Spiel weder die eigene noch die Kleidung des Gegners zu beschmutzen.

 

Bekannte Meister der Capoeira Angola

Der bekannteste Name der Capoeira Angola ist wohl Mestre Pastinha, der gleichzeitig wohl den größten Anteil daran hat, dass diese Kunst bis heute existiert. Er war es, der die erste Akademie für Angola eröffnete und einen großen Betrag dazu leistete, die Capoeira aus dem Untergrund zu holen und gesellschaftsfähig zu machen. Dafür gilt er nach wie vor als Idol der Capoeira Angola.

Auch unter seinen Schülern sind einige, die es zu Bekanntheit und Ruhm gebracht haben, beispielsweise die Mestres Joao Grande, Joao Pequeno, Bola Sete, Raimundo Natividade, Trovoado, Gaguinho Moreno oder Morais. Einige lehren heute noch die Capoeira Angola und trugen sie in die Welt hinaus.

 

Heute

Bis heute erfreut sich die Capoeira Angola großer Beliebtheit, wahrscheinlich auch gerade weil sie so anders anmutet als andere Kampfsportarten. Besonders in Sportgruppen von Universitäten und in der alternativen Szene findet man besonders viele Angoleiros, aber auch in Sportvereinen, Schulen oder Studios.

Young pair capoeira partners performing kicks outdoor

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Die Capoeira Regional

 

Ursprung

Die Capoeira Regional, ursprünglich Luta Regional Baiana genannt, stammt von der ursprünglichen Capoeira ab und ist lediglich eine weiterentwickelte Form von ihr. In den 40er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schuf Mestre Bimba diesen neuen Stil, indem er der alten Capoeira einige modernere Elemente aus anderen Kampfsportarten (wie beispielsweise des batuque) hinzufügte. Dabei entstand ein schnelleres Spiel, das auch hohe Tritte, Sprünge und Würfe beinhaltet, was die Capoeira wettbewerbsfähiger machen sollte.

Außerdem schuf Bimba ein eigenes Lehrsystem und gründete die erste Capoeiraakademie der Welt. Viele Vorführungen und Demonstrationen seiner Schüler sorgten dafür, das Image der Capoeira zu verbessern, so dass sogar das nationale Capoeiraverbot aufgehoben wurde.

 

Capoeira Regional in der Praxis

Die großen Unterschiede zur Capoeira Angola liegen in den hohen Tritten und Sprüngen. Die meisten Bewegungen gibt es in beiden Stilen, sie werden nur in anderer Form ausgeführt, in der Capoeira Angola langsam und bodennah, in der Capoeira Regional schnell und hoch. Auch Saltos und Würfe gibt es nur in der Capoeira Regional, ebenso wie einige Akrobatikbewegungen.

Von außen betrachtet ähnelt die Capoeira Regional kaum noch einem Tanz, sondern vielmehr einem spektakulären, schnellen Kampf.

Auch die Musik ist schneller als bei der Capoeira Angola, auch hier gibt es verschiedene Rhythmen wie Sao Bento Grande de Bimba, Iuna oder Amazonas. Außerdem gibt es den Rhythmus Benguela, bei dem ähnlich wie bei der Capoeira Angola nah am Boden und langsam gespielt wird, um beide Stile zu vereinen.

Die klassischen Instrumente der Capoeira Regional sind nur ein Berimbau und zwei Pandeiros, mittlerweile nutzen aber fast alle Gruppen vor allem in der Öffentlichkeit die große bateria, also die Instrumente der Capoeira Angola.

Die Kleidung in der Capoeira Regional besteht in der Regel aus der weißen Hose (Abada) und einem weißen Shirt. Hüte oder Anzüge werden nur bei ganz besonderen Anlässen getragen und auch Schuhe sind beim Training eher selten zu sehen.

 

Bekannte Meister der Capoeira Regional

Der bekannteste Meister ist natürlich der Schöpfer der Capoeira Regional, Mestre Bimba. Ihm hat die Capoeira viel zu verdanken, oft wird er sogar als ihr Befreier bezeichnet, da er daran beteiligt war, das Capoeiraverbot aufzuheben.

Auch unter seinen Schülern sind viele bekannte Namen, wie Mestre Itapoan, Mestre Decanio oder Mestre Accordeon. Auch heute gibt es unzählige berühmte Meister, die große Capoeiragruppen gründeten und ihre Kunst in die Welt trugen, darunter Mestre Camisa oder Mestre Amen.

 

Heute

Heute ist die Capoeira Regional sehr beliebt auf der ganzen Welt. Ihr spektakuläres, schnelles Spiel fasziniert Zuschauer und Spieler. Auch in vielen Filmen und Musikvideos ist dieser Capoeirastil zu sehen.

Die Capoeira Regional ist in fast allen Ländern der Welt vertreten und hat tausende begeisterte Schüler, noch mehr als die Capoeira Angola. Sie hat sich ihren Ruf als “komplette” Kampfkunst errungen und trifft damit auf breites Interesse.

[author] [author_image timthumb=’on’]http://www.specialmove.de/wp-content/uploads/2015/12/Foto_Xitara.jpg[/author_image] [author_info]Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf <href=”http://gingado.de/”>Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.[/author_info] [/author]

 

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