Judo außerhalb des DJB

Sebastian ist Judo Trainer. Seine Gruppe hat um die 30 Leute. Gute 2/3 Kinder bis 14. Da Judo innerhalb des DOSB nur vom Deutschen Judo Bund vertreten werden darf, sind sei einfach nur die “Kampfsport” Abteilung des Vereins TV Nordwohlde.  Da ich selbst Ju-Jutsu ohne Zugehörigkeit zu einem Dachverband unterrichte, war ich natürlich sehr gespannt mehr von ihm zu erfahren.

© Depositphotos.com / joyfull

© Depositphotos.com / joyfull

Lenny: Bei euch wird Judo außerhalb des Deutschen Judo Bunds (DJB) unterrichtet. Seid ihr komplett selbstständig, oder habt ihr euch einen anderen Verband angeschlossen?

Sebastian: Wir sind komplett selbstständig, was Judo betrifft, ansonsten organisiert unter dem Dach eines Sportvereins.

Lenny: Wie kam es dazu, dass ihr euch vom DJB getrennt habt? Was hat zu der Entscheidung geführt?

Sebastian: Das liegt an meiner eigenen Geschichte als Judoka, da ich das Dojo hier gegründet habe und leite. Ich habe selber vor 32 Jahren mit Judo (damals im DJB) begonnen und dann vor 22 Jahren auch dort meine Prüfung zum 1. Dan abgelegt. -Da gab es auch noch keine Unterscheidung DJB- und DDK- Prüfungsordnung.
Damals hatte ich das ganze Programm: Wettkampf extrem (Ligabetrieb und jedes WE unterwegs, wenn nicht als Kämpfer, dann als Kampfrichter/NJV-Landeslizenz) und das typische DJB-Judo ohne Blick nach rechts und links, hatte ich auch gar keine Zeit für…
Erst nach Ortswechsel und im lockereren Hochschulsport gelang ein wenig der Blick über den Tellerrand. Und siehe da: Die Welt des Judo war viiiiiiieeeeeel größer als von mir kleinem DJB-Blackbelt angenommen. Ich fühlte mich dumm gehalten. Nachfragen wurden resolut weggebügelt.
Dann kam irgendwann die Entdeckung von BJJ als zusätzliches “Erweckungserlebnis” und die Gründung des eigenen Dojo. Und da war für mich von Beginn an klar: Keiner meiner Schüler zahlt irgendetwas außer dem Vereinsbeitrag (keine Prüfungsgebühren, keine Pässe, keine Sichtmarken, keine Pflichtlehrgänge). Keiner meiner Schüler unterwirft sich dem Diktat irgendwelcher Funktionäre, was das Kämpfen und die Regeln dazu angeht. Wir trainieren und sparren nach dem ersten alljapanischen Regelwerk von 1899. Puristisches Judo ist angesagt, back to the roots.

Lenny: Das kommt mir bekannt vor. Ich habe mir früher auf Lehrgängen auch oft die “warum?” Frage gestellt. Es gab auch den einen oder anderen Moment auf der Lehrgangsmatte, über den ich heute noch in Rage gerate. 

Wie legt ihr die Reihenfolge fest, in der Würfe, Hebel und Würger gelehrt werden? Orientiert ihr euch an der Prüfungsordnung des DJB? 

Sebastian: Nein, wir orientieren uns an der Gokyo des Kodokan, Fassung von Kano Jigoro, was Nage waza, also Wurftechnik angeht. Was Ne waza angeht, orientieren wir uns an der Logik: Basis- Haltegriffe, Basis-Würgetechniken, Basis-Hebeltechniken zuerst, dann Spezifizierungen und Abwandlungen bzw. “Exoten”.
Grundsätzlich steht bei uns das Lernen von Techniken und Reihenfolgen aber ziemlich hinten an, da Basics der Bewegungslehre und Positioning (dominates Durch- und Umsetzen der gewollten Bewegungsabläufe am letztlich unkooperativen Gegner) uns wichtiger sind. Das ist natürlich der Didaktik des BJJ abgeschaut, aber das macht es nicht schlechter!

Lenny: Und dann natürlich gleich die Folgefrage: Gürtelprüfungen. Prüft ihr ab, vergebt ihr die Gürtel?

Sebastian: Ich vergebe. Wie im BJJ üblich: frei. In der farblich von Kano erfundenen Reihenfolge. Wobei ich ab dem Blaugurt in der Regel bemüht bin, mir bekannte KKler dabeizuhaben. Einfach der Transparenz halber.

Lenny: Ich glaube, die Farbgurte kamen von Kawaishi. Um uns ungeduldigen Europäern eine Leckerli vor die Nase zu halten. Aber zurück zu den Prüfungen – wenn du meinst frei: meinst Du dann ohne formale Prüfung, oder ohne ein formales Programm?

Sebastian: Beides: ohne formale Prüfung und ohne ein formales Programm. Zwar wissen meine Schüler, worauf ich achte und was das technische Knowhow ist, welches ich für eine Graduierung sehen möchte. Ich erwähnte ja schon die Anhaltspunkte von Gokyo und Ground-basics, was ja fast einem Programm entspricht. Aber formal in einem entsprechenden Setting abgeprüft wird das nicht. Mit anderen Worten und aus der Praxis:
Wenn jemand stark in der Anwendung (Randori) ist und sich bei mir der sichere Eindruck verfestigt, daß er mit Hüfttechniken zum Erfolg kommt, dann ist der Umstand, daß in der ersten Stufe der Gokyo nun einmal exakt O-goshi verortet ist, für mich eher zu vernachlässigen für eine Graduierung zum Gelbgurt. – Andersherum kann ich aus der sicheren Anwendung von Hüfttechniken ohnehin schließen, daß O-goshi keine Hürde darstellt.

Lenny: Hattet ihr schon mal “Probleme” mit der Anerkennung der Gürtel? Oder ist euch das eher egal?

Sebastian: Also zunächst mal ist es egal, denn es zählt “on the mat”. Wer einen meiner Gurte anzweifelt, ist postwendend eingeladen, ihn auf der Matte im Randori zu testen.
Dann ist es aber auch so, daß ich bei Vergaben neben den Fertigkeiten im Randori auch bewerte, ob die Person ein gewisses Technik-Curriculum im Gepäck hat (s.o.). Ich habe z.B. noch keinen DJB-Grüngurt gesehen, der einem meiner Grüngurte auch nur irgendetwas voraus gehabt hätte….
Und wenn jemand woanders hin gehen will/muss: es gibt ja immer noch Einstufungsprüfungen. Und vor denen müssen sich meine Schüler nicht fürchten. Dem sehe ich gelassen entgegen.

Lenny: Wie bilden sich eure Trainer weiter?

Sebastian: Tja, da muss man eben leider öfter mal durch die Gegend gondeln und sich vor allem selber Dinge zusammensuchen. Ist z.B. Nick Brooks vom MillHill Roger Gracie-JiuJitsu Team in Bremen, fahre ich -wenn möglich- hin. Im Moment ist mein Co-Trainer für einen Monat in London und wird gewiss Innovationen mitbringen. Letzte Woche habe ich in Brüssel gerollt und wieder was im Gepäck mitgebracht.
In diesem Jahr werden wir versuchen, Tom Herold für eine Nage waza- Session nach Bremen zu holen. Mit dem “Hardcore-Training”- Gym von Henning Bode besteht da eine Chance, da dort auch eine Menge MMA- und BJJ- Enthusiasten unterwegs sind, die wohl ebenfalls Interesse haben.

Lenny: Neben der Prüfung ist da natürlich auch noch der Wettkampfbereich. Nehmt ihr an Turnieren teil? Wenn ja, was sind das für Turniere?

Sebastian: Tja, das ist das Hauptproblem. Wir können naturgemäß nur an verbandsoffenen Turnieren teilnehmen. Und gerade im Kinderbereich ist da echt schwer was zu finden. Zumal, wenn man nicht quer durch Deutschland reisen will. Einmal im Jahr gibt es in Twistringen die Niedersachsenmeisterschaften im Bodenkampf der DJJU (Deutsche Jiu Jitsu Union), da nehmen wir regelmässig teil. Für die Jugendlichen/Erwachsenen bleiben mehr oder weniger nur BJJ- Turniere, wie z.B. 2012 das “Masters of Cotton” in Bremen. Ansonsten suchen wir uns Cross-Randoris mit einzelnen Vereinen.

Lenny: Organisation ist ebenfalls ein großer Punkt. Wie bekommt ihr Informationen zu Turnieren?

Sebastian: Da müssen private Netzwerke und das Web herhalten. Anders geht es nicht. Und ganz ehrlich: Vor dem Internet-Zeitalter wäre es wahrscheinlich gar nicht gegangen.

Lenny: Was sind Deiner Meinung nach die Vorteile unabhängig zu agieren? Und was sind die Nachteile?

Sebastian: Die Vorteile sind klar: Judo gehört nicht den Verbandsfunktionären, sondern den Kämpfern. Und das lassen wir uns nicht wegnehmen. So sind wir am Puls und wir bestimmen selber, was unser Judo ist. In der Frage steckt die Antwort: wir sind nicht abhängig!
Die Nachteile sind auch schon angeklungen: Die Möglichkeiten, sich zu vergleichen, zu reiben und davon zu profitieren sind nicht von einem Verband organisiert, es kostet Zeit und Arbeit, das halbwegs zu kompensieren.

Lenny:  Danke für das Gespräch und für die Einblicke in eure Arbeit. Ich finde es gut, dass ihr Judo für die Mitglieder machen wollt – und dafür dann eben den steinigen Weg geht. Oft macht man ja doch eher vieles “nur für die Prüfung” oder sagt “ich mag das auch nicht, aber sie wollen es nun mal sehen.” Evtl. trifft man sich ja mal auf einem BJJ Wettkampf. Würde mich freuen.