Dies ist eine Übersetzung des Artikels “Kime: Putting The Nail In The Coffin” von Jesse aus dem exzellenten Karate by Jesse Blog. Übersetzt und veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors.

Es war ein schwüler Tag im August und wir gingen schweigend vom Kenritsu Budokan  ( die Kampfkunsthalle der Präfektur ) in Okinawa , wo wir unseren gesamten Tag verbracht haben, nach Hause.

Die Zeit vergeht dort drinnen wie im Flug.

Der Budokan, wie ihn die meisten Leute einfach nennen, ist ein Ort, an dem sich viele verschiedene Kampfkünste unter einem Dach versammeln. Obwohl die meisten glauben, dass Karate, Kobudo, Judo und Kendo so ziemlich die einzigen Kampfkünste sind, die dort trainiert werden, ist die Wahrheit deutlich spannender.

Ich habe sowohl Aikido, Ju-jutsu, BJJ, Kickboxen, Thai Boxen (Muay Thai), Kenjutsu, Submission Wrestling, Kyudo, Iaido, westliches Boxen, Jodo, Atarashii Naginata, Ba gua/Pa kua, Dishu Quan und Tai Chi Chuan vertretetn gesehen. Und das in Okinawa, dem “Geburtsort des Karate”.

Das Kenritsu Budokan, Okinawa

Das ist eine ganze Menge für eine kleine Insel.

Und es gibt dort wahrscheinlich noch viel mehr.

Jedenfalls, als wir vom Budokan, wo wir einige der oben genannten Kampkünste gesehen hatten, nach Hause gingen fragte mich mein japanischer Begleiter:

“Nun, Jesse-san, hast Du dich bereits auf einen Tag festgelegt, an dem Du Okinawa verlassen möchtest?”

Und das war eine absolut normale Frage. Ich hatte ihm davor gesagt, dass ich plante zu gehen, daher fragte er sich natürlich, ob ich mich bereits auf einen Abreisetermin festgelegt hatte.

Das Interessante war das Wort, dass er benutzte.

In diesem Satz hat er ein Wort benutzt, dass in der westlichen Karate Welt gelinde gesagt  Geheimnis umwittert ist. Natürlich wusste dies mein japanischer Freund nicht, da dies im Japanisches ein ganz normales Verb ist – aber ich wusste es, da ich unzählige male gehört, gelesen und gesagt hatte, seit ich zum ersten mal mit Karate begann.

Es war ein Wort, von dem viele Leute im Westen behaupten, dass sie es verstanden haben, aber bei nur wenigen ist dies tatsächlich so. Es ist oft durchsetzt von mystischen Kräften und die Erklärungen reichen von Auf-dem-Boden-der-Tatsachen bis hin zu extrem esoterischem Zeug.

Es klang so natürlich und einfach als er es sagte.

Das Wort war, wie ihr euch wahrscheinlich bereits gedacht habt,  “kime.”

Als ein Wort, das wahrscheinlich zehn oder zwölf verschiedene Weltrekorde bricht, wenn es um Mehrdeutigkeit geht ist Kime ein Wort, das in der westlichen Karate Welt mindestens genauso beliebt wie falsch verstanden ist.

Für ihn bedeutete es schlicht “festlegen” oder “fixieren.”

Wie in “ein Datum festlegen”.

Und genau das sagt mir mein Wörterbuch auch.

Kime(ru) – ichidan Verb; transitiv; entscheiden, festlegen, verharren

Dennoch, wenn ich mich im Web umsehe, stelle ich fest, dass dieses Wort ständig falsch gebraucht wird. Und ehrlich gesagt ist mir nicht klar warum.

Vielleicht befürchten wir, das etwas vom exotischen Flair verloren geht, wenn wir die benutzen Worte auch wirklich verstehen? Es gibt unterschiedliche Erklärungen für Kime, und es überrascht mich, das selbst einige der berühmtesten westlichen Historiker ( ich nenne keine Namen ) das Wort nicht zu verstehen scheinen, das sie uns zu erklären versuchen.

Schaut mal:

Die Fähigkeit schnell Kraft auf das Ziel zu übertragen ist “Kime.”

Oder wie ist es mit:

Das Wichtige dabei ist, dass du in das Ziel beschleunigst und die kime fokussiert die Energie im Ziel, anstatt durch das Ziel hindurch. Es ist schwer in Worte zu fassen […]

Oder:

Ich denke “kime” ist einfach die beste Erklärung für etwas, das die meisten als “entschlossen drauf klopfen” beschreiben würden.

Einen hab’ ich noch:

Für mich ist [kime] das “Schocken” des Gegners. Deine maximale Kraft so schnell übertragen, dass der Gegner sich nicht bewusst oder unbewusst wappnen kann.

Andere legendäre Erklärungen beinhalten “das Knallen des Gis am Ende des Schlags” oder “zerstörerische Kraft“. Manche Leute behaupten sogar:

Nutzt das Knallen [des Kittels] als ein Barometer für kime, oder den Kampfkunst Fokus.

Was sagt ihr nun?

Selbst die allmächtige Wikipedia schreibt kime bedeutet “Kraft und/oder Fokus” oder gar “angreifen eines Druckpunkts” (!)  ( Jesse bezieht sich hier auf die englischsprachige Wikipedia, Anm. des Übersetzers )

Das unglaublich Lustige, aber auch Traurige dabei ist: das ist komplett falsch.

All die ganzen Zitate oben sind sehr intelligent und gut (evtl. bis auf das Knall-barometer-Dingens!), und sie haben alle einen Bezug zum Karate, aber sie beschreiben nicht Kime.

Tut mit leid.

Jemand hat euch reingelegt.

Dafür könntet ihr andere Worte nutzen wie “chinkuchi” oder “kimochi” um einige noch geheimnisvollere Okinawa Karate Worte zu nutzen, oder warum nicht einfach das japanische “zentai ryoku” – voller Körpereinsatz?

Der Trainer der japanischen Nationalmannschaft nutzt das recht häufig.

Andererseits ist es nicht ganz so griffig…

Beeindruckend: ja? Kime: nein.

Zusammengefasst ist kime nichts von all dem:

  • Knallen des Kittels
  • Ernsthafte Absicht jemanden zu treffen
  • sich voll in den Schlag legen
  • den Gegner schocken
  • Kraft in den Gegner zu pumpen
  • Zerstörerische Kraft
  • eine magische Zutat, die aus euch einen Meister macht

Aber was ist dann “Kime”?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass “Kime” festlegen, entscheiden, usw. bedeutet, aber wie übertragen wir dieses Konzept in unser Karate? Wo finden wir, wo sehen wir, wo fühlen wir Kime?

Die Antwort ist ebenso brilliant wie kurz:

“In jeder Technik die ihr wollt.”

Sobald ihr eure Antagonisten anspannt “produziert” ihr Kime.

(Und für die, die sich nie um grundlegende Anatomie geschert haben, der “Antagonist” ist der Muskel der gegen eine bestimmte Bewegung arbeitet, die durch einen Agonisten erzeigt wird und ist schlussendlich dafür verantwortlich, dass sich das Gliedmaß in die Ausgangsposition zurückbewegt.)

Kime ist nicht mehr als das.

Festlegen.

Ihr benutzt es beim Blocken, Treten, Schlägen und selbst in den Ständen.

Als ich beispielsweise mit der japanischen Kata Nationalmanschaft auf Okinawa trainiert habe, da hatten sie sogar spezielle zielgerichtete Übungen um die Kime bei den Ständen wie shiko dachi, neko-ashi dachi und zenkutsu dachi zu verbessern. Während dieser intensiven Einheiten haben sie  das Wort “kime” häufiger benutzt als ich zählen konnte.

Und sie wollten dabei nie “wirklich ernsthaft mit vollem Einsatz und wirklich tödlichen Gedanken jemand mit ihrer göttlichen Kraft des Kittel-knallen-lassens treffen.” Das ist eine komplett andere Sache.

Sie wollten nur ihre Bewegung so schnell wie möglich fixieren. Um so schneller man das macht, um so mehr (eigentlich trifft es “um so bessere kime” eher) kime habt ihr.

Und nun, lasst mich euch einen der größten Meister des Kime auf der Welt zeigen:

Yep, das ist richtig.

Mr. Wiggles. Herr Wackel.

Und er macht nicht mal Karate.

Was sagt ihr nun…