• Dies ist die Übersetzung einer Geschichte von Wayne Muromoto, die ich mit seiner Erlaubnis übersetzt und hier gepostet habe. Der original Artikel ist in Mr. Muramotos Blog zu finden: Getting past “Level 1”.

Ich bin neulich abends mit einem alten Freund zusammen gestoßen, der Okinawa Karate unterrichtet. Und etwas, das er sagte (später mehr dazu) weckte die Erinnerung an ein Seminar  mit einem der Shotokan Karatedo Meistern der Moderne, dem 2006 verstorbenen  Asai Tetsuhiko.

Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich gerade mein Kampfkunst Magazin Furyu zu veröffentlichen, und die örtliche Shotokan Gruppe informierte mich über den Besuch von Sensei Asai, und lud mich ein, ihn zu interviewen. Darüber war ich sehr dankbar. Ich hatte viele Geschichten von diesem Meister der Kampfkunst gehört, und freute mich darauf ihn einmal in Fleisch und Blut sehen zu können.

Er stellte sich als körperlich eher weniger beeindruckend heraus. Gerade mal 1m 60 groß, und wenn er nicht gerade lebhaft über eine Technik berichtete, so war seine Stimme sanft und ruhig. Seine Augen und Brauen waren nach oben geschwungen, so wie man es oft in den übertriebenen Portraits von Kabuki Darstellern sieht, und sein eines Glasauge bewegte sich gemächlich im vergleich zu seinem anderen Auge. Sein gesamtes Auftreten war eher bescheiden, was im Gegensatz zu manch anderen Karate Sensei stand, die auf Turnieren wie Pfauen umherstolzierten.

Asai-sensei war zu dieser Zeit der technische Direktor der JKA, der Japan Karate Association welche den Shotokan Karate Stil lehrte. Er gründete später die IJKA (International Japan Martial arts Karatedokai Asai- ryu) und die Japan Karate Shōtōrenmei und war dort auch der Cheftrainer. […]

Seine Worte sind es wert wiederholt zu werden, auch weil ich denke, daß sie an den meisten Teilnehmern des Seminars vorbeigingen. Leider hatte der Veranstalter versäumt einen guten Übersetzer einzustellen, und so viel diese Aufgabe auf die Mutter eines jungen Seminarteilnehmers, die in letzter Minute hinzugezogen wurde. Diese war zwar Japanerin, hatte aber so gut wie keine Ahnung von Karate und ihr Verständnis der englischen Sprache war auch stark eingeschränkt. Daher waren ihre Übersetzungen lückenhaft und ließen wichtige Punkte außen vor.

So merkte Asai-Sensei an “Ihr seid alle sehr gut in dem, was ich als erste Stufe des Karate bezeichnen würde. Die erste Stufe ist die Grundform. Kihon. Schritt. Schlag. Tritt. Schritt. Auf der ersten Stufe geht es nur darum, die Bewegungen richtig zu machen. Man übertreibt die Stände um Muskeln aufzubauen. Aber das ist die erste Stufe. Stufe zwei ist Schritt-Schlag. Gleichzeitig. Treten und bewegen zur gleichen Zeit. Auf der dritten Stufe bewegt man sich frei, ohne jede Unterbrechung. Ihr seid gut in den Dingen der ersten Stufe, aber das ist als ob man ewig in der Grundschule bleiben würde. Man muss in der zweiten Stufe auch auf weiterführende Schulen gehen und  irgendwann auch zur Hochschule (Stufe 3).”

Die Mutter übersetzte all dies als “Ihr seid alle sehr gut.”

Die Teilnehmer fühlten sich bestätigt und daher haben nur wenige die Scheuklappen abgelegt und wirklich gesehen, was Asai-Sensei ihnen zeigte.

Vielleicht war ich auch einfach nur bereit zu sehen, was Asa Sensei demonstrierte.  Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon lange mit Karate aufgehört da ich überzeugt war, dass die Trends in den meisten Karate Dojo ins die falsche Richtung führten. Ich war von einigen der Techniken in ein paar Okinawa-Karate-Schulen beeindruckt, aber für Shotokan-Karate und generell für das amerikanische Karate sah ich schwarz. Auch konnte ich verstehen was Asai Sensei sagte. Mein Japanisch ist nun nicht das beste, aber ich konnte allen seinen technischen Ausführungen klar folgen. Er versuchte die Dinge auf eine sehr einfache Ebene herunter zu brechen.

 

Behaltet bitte im Kopf, dass was nun folgt durch meine eigenen Erfahrungen und Vorurteile geprägt ist, aber Asai Sensei hatte ein paar Ideen, die es wert sind wiederholt zu werden.

Viele seine Ermahnungen bezogen sich auf den Begriff der “Stufe.” Viele Karateka befinden sich auf Stufe 1, ähnlich einem Grundschüler, der das ABC lernt. Sie sind darin sehr gut, aber wie gesagt, dass ist in etwa so, als ob man sehr gut darin ist, das ABC aufzusagen. Schüler, die wirklich gute Karateka werden wollen, sollten versuchen zu Stufe 2 oder 3 aufzusteigen. Asai Sensei benutzte die Anaolgie von Grunschule, weiterführenden Schule und Studium. Er zeigte auch die Unterschiede zwischen diesen Stufen auf, sowohl bei der Kata als auch im Kumite.

Nehmen wir mal Ippon Kumite als ein Beispiel heran. Der Angreifer macht einen Schritt und greift mit oizuki an. Man macht einen Schritt zurück, blockt und erwidert den Schlag. Eins, zwei, drei. Das Augenmerk liegt darauf jeden Schritt als eigene Bewegung durchzuführen. Groß, kraftvoll mit korrekter Ausführung. Der zenkutsu dachi ist sehr weit. Nichts falsches daran. Aber es ist eben die Stufe 1. Es soll die korrekte Ausführung schulen und die Muskeln traineren, die diese Art der Bewegung noch nicht gewohnt sind.

Stufe 2 wäre geschmeidiger. Der Angriff kommt, man geht zurück, leitet den Angriff zur gleichen Zeit  ab(was etwas anderes ist als “blocken”) und kontert augenblicklich. Viel schneller. Um das machen zu können steht man nicht höher, aber man verkürzt den langen, steifen zenkutsu dachi etwas, in dem man die Füße näher zusammen nimmt und die Knie etwas weiter beugt. Dadurch kann man sich viel schneller bewegen und die gebeugten Knie geben dem Stand etwas Federndes, das es einem erlaubt sich schnell und auch in andere Richtungen als einfach nur gerade nach hinten zu bewegen, wenn es denn nötig sein sollte. Anstatt gerade nach hinten zu gehen, kann man auch den Schritt auch seitlich nach hinten machen, damit der Schlag schon durch den Winkel des Körpers daneben geht und nicht nur wegen des Blocks / des Ableitens. Das funktioniert, weil das ABC bereits beherrscht wird. Jetzt bilden wir ganze Sätze. Die Prinzipien der Bewegung und der Körperbalance werden bereits verstanden, daher sollte nun die Kraft aus der Hüfte und den Knien kommen und nicht mehr aus den Schultern und Armen.

Stufe 3 ist die Uni. Oder eine aufbauende Schule. Jetzt werden freie, kreative Aufsätze verfasst. Der Angreifer kommt, und man geht  in ihn rein und kontert sofort. Noch bevor der Angriff komplett beendet ist, wurde bereits ausgewichen, geblockt oder parriert und mit einem Schlag, Fegen oder Hebel gekontert.

Gut. Aber was hat mein Freund nun gesagt? Nun, er sagte:

Ich habe immer gedacht, dass Karate und Aikido komplett unterschiedliche Kampfkünste sind. Aber je älter ich werde, um so mehr wird mir klar, dass es bei Karate sehr um den Eingang – irimi – geht, genau wie im Aikido. Vielleicht liegt es daran, dass ich alt werde, aber es sieht inzwischen alles gleich aus, wenn ich es auf die grundlegenden Bewegungen reduziere.

Asai Sensei bewegte sich wie ein Aikido Meister, der in den Schlag hineingeht und mit ihm verschmilzt. Im Aikido und Jujutsu wird eine From des Eingangs in den Angriff als irimi bezeichnet. Der Angriff geht an einem vorbei und der entschlossene Angreifer kann sich nicht schnell genug wieder sammeln um einen zweiten Angriff zu starten, da man bereits nahe heran gekommen ist und selbst einen Gegenangriff gestartet hat, der die Bewegung des Angreifers zu dessen Nachteil nutzt. Asais irimi war sagenhaft.

Ich war komplett perplex als ich sah wie Asai Sensei sich bewegte. Er zerstörte meine stereotype Auffassung davon, dass Shotokan Leute sich wie Roboter bewegen.

Er ging mit seinen Ausführungen und Demonstrationen fort weiter. Sein Partner versuchte einen maegeri einen Tritt nach vorne. Asai tauchte unter dem Tritt durch, und gelangte hinter den Angreifer, legte seine Hände auf dessen Schultern und warf ihn in einem Sekundenbruchteilen nach hinten auf den Boden. Gegen einen anderen Schlagangriff sprang Asai in die Luft, drehte sich, wich dadurch den Schlag aus und landete mindestens drei Treffer am Nacken den Schultern und der Niere bevor er wieder auf dem Boden aufkam und seinen Gegner einen lockeren Tritt in das Hinterteil gab.

Wie kommt man an diesen Punkt? Asai sagte, man müsse lernen sich zu entspannen, entspannen, entspannen. Alle Verkrampfung im Oberkörper verlieren. Er sagte: Chikara o nuku,  “lass die Anspannung gehen.” Die typischen langen Shotokan-Stände waren als Übungshilfe gedacht. Im Ernstfall will man aber keine langen Stände, man will tiefe Stände. Das ist ein Unterschied. Er demonstrierte den Unterschied wie folgt: Lange Stände entstehen, wenn man den Abstand zwischen den Füßen vergrößert um den Körperschwerpunkt zu senken. Das gibt Muskelkraft, sagte er, aber keine Geschwindigkeit. Er zeigte die veränderten kamae (Positionen): Nicht so lang, aber mit gebeugten, locker gespannten Knien. Dadurch bekommt der Stand eine federnde Qualität, die es einem erlaubt vom Stillstand direkt in Aktion zu gehen ohne vorher sein Gewicht verlagern zu müssen. Mit gebeugten Knien sollte man das Gefühl haben, die Kraft kommt aus den Hüften, oder genauer: aus dem seika tanden. Asai Sensei wählte ein kleines Mädchen aus, und ließ sie in die Reiterstellung gehen. Er bat sie, ein paar Faustschläge zu machen. Dann sagte er “Sehr gut. Aber nun entspanne Dich einfach. Du musst keine Kraft einsetzen. Entspanne einfach alle Muskeln im Oberkörper zu entspannen, und lass deinen Schlag vor schnappen, als ob es ganz leicht wäre. Denke einfach nur daran, so schnell zu sein wie es geht. Am Anfang ganz ohne Kraft, denn wenn man Kraft benutzt verkrampft man sich manchmal zu sehr.

Der Übersetzer sagte: “Sehr gut! Schlag schneller!”

Also tat das Mädchen ihr Bestes, aber das Ergebnis sah immer noch irgendwie gleich aus. Asai gab sich nicht geschlagen und erklärte ihr, sie solle die Hüfte absenken und die Knie beugen. Der Übersetzer sagte “Steh tiefer!” und das Mädchen nahm die Füße weiter auseinander anstatt die Knie weiter zu beugen.

Ein paar andere Erinnerungen: Asai betonte die Bedeutung von lockeren, geschmeidigen Muskeln wie im Aikido. Er gab einige Beispiele für Lockerungsübungen. Selbst in seinem Alter, bereits weit über die 60, konnte er beim Aufwärmen in den Spagat gehen. Er sagte, Stretchen ist kein Selbstzweck. Er sagte es wäre dafür die Muskeln geschmeidig zu machen, damit man sie einfach nutzen kann, ohne Verkrampfung. Dies demonstrierte er dann: Er ließ jemanden etwa eine Unterarmlänge entfernt stehen und nahm dann seinen rechten Fuß beinahe vertikal  hoch, seine Ferse direkt unter dem Kinn des Partners.

“Nun, du könntest diesen Tritt für die Selbstverteidigung nutzen, aber das ist eher eine Vorführung. Wenn du ohne Anstrengung so treten kannst, dann sind die normalen mae geri gar kein Problem mehr, meint ihr nicht auch?”

Asai sagte er liebt den Shotokan Stil, aber er glaube, es sei keine vollständige Kampfkunst. Er ermunterte die Schüler Okinawa Karate Kata zu studieren. Sich mit den Waffenkünsten von Okinawa und den chinesischen Kampfkünsten zu beschäftigen, selbst wenn man dies auf die Konzepte und Philosophien beschränkt. Er selbst sagte, er wäre nach Okinawa gegangen um dort Kata zu studieren, die im Shotokan verloren gegangen sein. Die Erfahrung neue Kata zu lernen hat ihm tiefere Einsichten in das orthodoxe Shotokan gegeben.

In der Übersetzung wurde daraus etwas wie “Beschäftigt euch viel mit Kata.”

Glücklicherweise wurde Asai Senseis Art sich zu bewegen auf einigen YouTube Videos festgehalten. Aber diese ist nichts im Vergleich dazu ihn sich direkt vor einem bewegen zu sehen. Seine Interpretation von Shotokan raubte mir den Atem. Ich kann nicht behaupten, dass er jemals mein Lehrer war, aber ich habe selbst auf diesem einen Seminar eine unglaubliche Menge von ihm gelernt. Seine Beispiele und Ratschläge haben sich tief in meinen Geist eingebrannt und hoffentlich wird etwas von ihnen in meinen Bewegungen sichtbar wenn ich jujutsu und iai übe. Denn, wie mein Freund sagte: “Schlußendlich haben sie alle das gleich Konzept, nicht wahr?”

Asai Sensei auf YouTube:

Andre Bertel, Asai Senseis Schüler: