Ich habe in der letzten Zeit häufiger mal Gespräche darüber geführt, was ein Kampfkunst System ist. Und was eben nicht. Woran man es erkennen kann. Leider habe ich keine gute, umfassende Antwort – aber ich habe in paar Ideen, die ich teilen möchte.

Ich möchte hier zwei Herangehensweisen an die gleiche Idee beschreiben. Bei einem kommt meiner Meinung nach etwas heraus, was man als System bezeichnen kann.

Kampfsportarten mischen

Gehen wir mal davon aus, ich möchte schlagen, hebeln, werfen, würgen und kontrollieren in einem System kombinieren. Ich gehe also hin, und suche mir gute Schläge und Kicks raus. Ein paar Hebel und Würfe. Würge- und Kontrolltechniken. Und schreibe zu jeder Technik, was sie auszeichnet.

Am Ende habe ich eine große Liste, die ich nun ordne. Evtl. fallen mir auch Dinge auf, die vergessen wurden. Wie defensive Techniken. Also kommen die dazu. Oh. Stände. Stände sind ja irgendwie auch wichtig. Und das Bewegen von Stand zu Stand. Wow. Die Liste ist jetzt schon ziemlich lang geworden.

Ist aber kein Problem, das kann man ja auf die unterschiedlichen Schülergrade aufteilen. Also verteile ich die Techniken  auf die Gürtelgrade, wie ich es als richtig und wichtig erachte. Fertig.

© Depositphotos.com / luislouro

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Klingt doch wie eine ganz gute Vorgehensweise.

Ich möchte kurz auf zwei Probleme eingehen, die sich hier aber sehr leicht ergeben können.

Das eine Problem ist, dass die innere Struktur leicht verloren geht und durch eine äußere ersetzt wird. Die Techniken in jedem Gürtelgrad sind nach Wichtigkeit und Umsetzbarkeit mit dem vorhandenen Fertigkeitslevel sortiert. Der direkte Zusammenhang zwischen einem Hüftwurf und einer “defensiven Aktionsstellung” ist erstmal nicht offensichtlich, und wird durch den Schüler oder den Trainer hinzu gegeben. Stellt euch Lexikoneinträge vor, di erst einmal ohne erkennbare Reihenfolge untereinander stehen.

Das zweite Problem ist die Äußerlichkeit. Ich nehme ja “Techniken” und beschreibe den sichtbaren Ablauf. Dadurch geht zwangsläufig einiges verloren. Beim Hüftwurf zum Beispiel wird in einem recht verbreitetem System in der Beschreibung verlangt, dass der Gegner durch “Strecken der Beine ausgehoben wird.” Dies ist aber zum einen nicht notwendig, zum anderen eigentlich sogar eher hinderlich, da es auf einer Kraftaktion (“Ausheben”) basiert. Und es ist in der Prüfungsordnung verankert. Das heißt, wir der Wurf ökonomischer ausgeführt, so ist er per Definition eigentlich falsch. Ein weiteres gutes Beispiel hiefür sind “Stände.”  Stände sind kein Selbstzweck. Sie sind Momentaufnahmen der Bewegung. Oder, um Ed Parker zu zitieren, sie sind “eingefrorene Übergänge”. Das wichtige ist also nicht der Stand an sich, sondern die Veränderung, die den Stand erzeugt. Das Drehen der Hüfte. Die Verlagerung des Gleichgewichts, das Ändern des Winkels, etc. Stände haben einen Zweck, sind aber kein Selbstzweck. Natürlich ist ein “guter” Stand die Basis des Handelns – aber die Motivation ist das Handeln. Sie bestimmt den Stand. Nicht anders herum.

Aber wie ginge es anders?

© Depositphotos.com / creatista

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Ein anderer Ansatz ist, nicht von der Technik auszugehen, sondern vom Mensch. Wir überlegen uns einen Satz an Fertigkeiten, die ein “Ausüber” der neuen Sportart haben sollte. Was sollte sie zuerst lernen? Je nach Ausrichtung ist dies eine sehr interessante Frage. Für Selbstverteidigung fokussierte Stile sind dies evtl. nicht mal physische Fertigkeiten, sondern eine Frage der Einstellung. Gefahren erkennen. Einschätzen. Gefährliche Situationen erkennen. Strategien, die es jemanden erlauben, Gefahr zu erkennen und zu umgehen. Für Kampfsportler ist es evtl. die Fertigkeit Abstände einschätzen zu können und Schlägen auszuweichen. Diese Angriffe in einer groben Form auch ausführen zu können. Zu üben wie der Körper benutzt werden kann, um die Schläge mit genug Wumms zu übertragen. Die Idee hinter Gleichgewicht und wie Hebel funktionieren. Vorteilhafte und weniger vorteilhafte Positionen im Bodenkampf und wie man zwischen ihnen wechselt. Und dann ein paar Ideen, was man aus diesen Positionen machen kann.
Natürlich ist dies schwerer in ein festes Gerüst zu pressen. Fertigkeiten und deren Verbesserung nicht ganz so einfach niedergeschrieben werden.

Auch die besten Boxer werden getroffen. Nicht jeder ist ein Athlet von Weltklasse.Es ist schwer absolute Maßstäbe zu definieren.

Aber ausgehend von einer Fertigkeitsidee kann man Übungen und Übungsformen entwickeln, die diese schulen. Gleichgewicht und Gleichgewichtbrechen sind zum Beispiel bei Sportarten, die den Gegner zu Boden bringen wollen, elementare Konzepte. Kontrolle der Aktionsmöglichkeiten des Gegenübers ist immer ein wichtiger Punkt, usw.

Alternative: Die Idee dahinter

Warum wird etwas gemacht?

parker-quoteWelches Ziel soll verfolgt werden? In welchen Situationen ist was zielführend? Aus dem “Warum” und “in welcher Situation” ergeben sich Erkenntnisse und Einsichten.

Und Bewertungsgrundlagen für (Gürtel-) Prüfungen.

Denn um eine Bewegung zu bewerten, muss man überlegen, was ihr Sinn ist. In welchen Situationen sie benutzt werden kann. Ob es Varianten gibt, die bei der gleichen Grundbewegung, zum Beispiel durch ein anderes Timing der überlagerten Einzelbewegungen, andere Anwendungsmöglichkeiten ergeben.

Diese Herangehensweise kann ein einheitliches, in sich stimmiges System schaffen, da jedes “was” durch ein “warum” begleitet wird. Die Bewegungen stehen nicht für sich, sondern in einem Kontext. Wenn nun neben den Bewegungen (Techniken) auch Regeln für die sinnvolle Verkettung vorhanden sind, so kann man in einem gewissen Maße garantieren, dass der Stil sich nicht von Schule zu Schule stark unterscheidet. Man gibt auch den Lehrern klare Regeln, wie (und warum) Bewegungen und Verkettungen von Bewegungen bewertet werden können.

Denn eine reine Techniksammlung, ohne klaren Fokus und innere Ordnung wird nie zu einem System werden. Im Gegenteil, es steht zu befürchten, das einzelne Schulen sich stark unterscheiden. Das Wissen und Können stark divergieren. Was zu einer Zerrüttung des Stils und einer Abwanderung derer führen dürfte, die das Problem erkennen. Oder sie versuchen “ihre Sicht” zu verwirklichen und fügen dadurch dem ohne hin schon stark ausgeprägtem Wust an Ideen und Methoden noch weitere hinzu – und tragen dadurch zu dem Problem bei, das sie lösen wollten.