Ich möchte hier ein paar Ideen zu den bestimmten Faktoren in SV Situationen verlieren. Ich wurde gestern auf diesen Blogeintrag hingewiesen, mit der Bitte doch einen Kommentar abzugeben: “Das Jiu-Jitsu Prüfungsprogramm, eine Wissenschaft für sich.” Der Autor benennt drei Prinzipien, die für sich, als Grundlage bei der Entwicklung geeigneter Reaktionen nutzen möchte. Diese sind Effizienz, Einfachheit, Übertragbarkeit.

Das sind gute Ansätze, insbesondere wenn man sich in erster Linie auf häufige, kurze und brutale Kämpfe vorbereiten möchte. Ich möchte hier jedoch kurz eine zusätzliche Sichtweise vorschlagen. Und diese Sichtweise möchte ich mit einer Frage einleiten.

Was bestimmt meine Verteidigung?

Der Autor führt an, dass er von überraschenden, brutalen Angriffen ausgeht. Und dann ist seine Herangehensweise auch gut geeignet. Hart, einfach, übertragbar. Aber was ist, wenn der Angriff nicht so brutal oder überraschend ist?

Nehmen wir mal den 08/15 Angriff in der Selbstverteidigung: Das Handgelenkfassen.

Noch mal die Frage: Was bestimmt meine Verteidigung?

Bestimmt der Angriff meine Verteidigung? Oder bestimme ich, was mein Ziel ist, und wähle dann einen geeigneten Weg?

Quelle: Stuart Barr

Quelle: Stuart Barr

Intention des Verteidigers

Evtl. will ich den Griff nur lösen, mich in eine bessere Position bringen und für weitere Aktionen gewappnet sein. Ich nenne das mal den “Freibad-nicht-ins-Wasser-geworfen-werden-wollen-Modus.” Der ist auch gut geeignet um unangenehme, aber nicht wirklich bedrohliche Situationen zu entschärfen. Ich lenke den Angriff ab, mache ihn zu nichte. Also wird der Griff gelöst, man begibt sich in einen besseren Wikel zum Angreifer und geht in eine Bereitschaftshaltung.

Evtl. will ich den Angreifer dominieren. Ihm klar machen, dass es eine dumme Idee war und er sich besser nicht mit einem anlegen sollte. Wenn man den Gegner als eigentlich unterlegen einschätzt (oder sich gerne zur Schau stellt) oder man ihn aus Berufsgründen kontrollieren muss, kann dies die geeignete Wahl sein. Optionen wären hier in einen Armhebel (Festlegen und Abstransport) oder Handgelenkhebel zu gehen. Oder ich muss jemanden, der sich ungebührlich verhält vor die Tür setzten. Wichtig in solchen Fällen ist, sich auf Folge- und Racheaktionen mental vorzubereiten und dem Gegner auch nach der Aktion mit extremer Aufmerksamkeit zu begegnen. Und in nächster Zeit deutlich wachsamer zu sein.

Wenn mir die ganze Situation sehr seltsam vorkommt, ist meine primäre Sorge evtl. unbeschadet weg zu kommen. Dann gilt meine erste Sorge nicht dem gefassten Handgelenk, sondern den Beinen des Gegners. Solange er eine Hand an meinem Handgelenk hat, ist auch sein Kopf da. Was es mir erlaubt seine Füße, Knie, Knöchel, Waden und/oder Oberschenkel anzugreifen.  Ich will unbedingt vermeiden, dass er mir nach kommt.

Evtl. möchte ich den Gegner vermöbeln. Ihn Kampf unschädlich machen. Das wäre so die “normale” SV Reaktion. Man attackiert verfügbare Ziele mit geeigneten Waffen und setzt ggf. nach.

Wenn ich die Situation als potentiell lebensgefährlich einschätze, dann möchte ich evtl. in möglichst kurzer Zeit die Bedrohung endgültig beenden. Dies wird eine komplett andere Handlungsweise verlangen, und die potentiellen Auswirkungen auf das eigenes Leben sind beachtlich.

Ich kann entweder ableiten, dominieren, zerstören oder töten (*) . Ich mir sollte klar sein, wann ich was bereit bin zu tun.

Äußere Umstände

Die meisten Leute üben in bequemer, dem Sport angepasster  Kleidung. Wer einen Kittel trägt, der trainiert ihn stabiler, lockerer Kleidung. Wie kann andere Kleidung meine Optionen im Kampf beeinflussen? Kicks (selbst niedrige) sind zum Beispiel in engen Röcken kaum möglich. Stöckelschuhe können einerseits als Waffe dienen, andererseits behindern. Lockere Kleidung, oder Kleidung die dem Griff nicht standhält kann manche Handlungen ermöglichen – oder eben unmöglich machen. Greife ich das T-Shirt des Angreifers, so werde ich ihn so kaum kontrollieren können. Dafür kann ich ihn ggf. damit abwürgen.  Trage ich Arbeitsschuhe mit Stahlkappen, so hab eich einerseits eine formidable Waffe an den Füßen – die ich andererseits aber  gar nicht einsetzen will, weil ich damit einen zu hohen Schaden verursachen würde.

Quelle: CharlesFred

Quelle: CharlesFred

Neben der Kleidung ist die Umgebung wichtig. Wir üben oft auf ebenem, stabilen Untergrund. Strßen sind gerne mal nass, rutschig, vereist, uneben, matschig, etc. Auch dies hat enorme Auswirkungen auf meine Optionen.

Wie viel Platz habe ich? Kann ich mich frei bewegen? Bin ich eingeengt. Wie viele andere Personen sind in nächster Nähe? Wie viele davon sind potentielle Angreifer? Steht Mobiliar in der Nähe, dem ich ausweichen muss, oder das ich als Hilfsmittel verwenden kann?

Variante des Angriffs

Das ist bewusst der letzte Punkt in der Liste. Was der Gegner macht hat einen gewissen Einfluss auf mich, aber sobald ich mich entschieden habe, bin ich als Verteidiger aktiv und dränge dem Gegner meine Sicht der Dinge auf. Ich sollte aber dennoch unterschiedliche Arten der gleichen Angriffsart geübt haben. Nur um mal wieder das triviale Beispiel Handgelenkfassen zu nehmen – Position des Gegners zu mir (von vorne, von der Seite, von hinten), Art des Griffs (Handschüttelgriff oder Push-Down-Griff), Position meiner Hand (hängend, zur Abwehr erhoben), Art des Griffs (diagonal, gleichseitig), Intention des Griffs ( festhalten, bewegen, Vorbereitung weiterer Aktionen) haben alle einen gewissen Einfluss auf  die Einschätzung der Lage und damit meiner Reaktion.

Was hat das alles mit dem Ursprungsartikel zu tun?

Was “effizient” ist, das hängt von meinem Ziel ab. Ich will den Betrunkenen Verwandten/ Bekannten nicht den Arm brechen, nur weil er sich daneben benommen hat. Ich will aber dem [beliebiges Feindbild hier einsetzen], der mich gerade bedroht auch nicht die Chance geben, mir mit seinem Knüppel einen neuen Scheitel zu ziehen.

Daher sind unterschiedliche “Verteidigungen” gegen den gleichen Angriff für mich durchaus sinnig. Und im Anfängerbereich dürfen diese gerne auch anteilig vorgegeben werden. Denn ein Anfänger hat nicht so viele Ideen. Und selbst wenn: Manchmal sind neue Ideen gar nicht so schlecht. Manchmal wird aus einem “würde ich nie tun, was soll der Mist?” eine neue Bewegung, die man mag. Wenn man immer nur die Dinge übt, die man kann, bhleibt man was man ist. Man kommt nicht so weit voran, wie wenn man sich ständig fordert – teilweise auch mit komplexen Bewegungen, die einen an die Grenze des Könnens bringen.

Gerade mit Dingen, die einen an die Grenze bringen. Denn so lernen wir, und werden besser.

Und wenn ich mich bewusst für eine bestimmte Art der Verteidigung entscheide – dann gewöhne ich mir an diese Entscheidung zu treffen. In Kombination mit geeigneten Trainingsformen (Rollenspiele, Szenarien und Stressdrills) kann dies einen großen Unterschied machen. Denn ein guter Kämpfer, der nicht in der Lage ist sich zu entscheiden zu kämpfen, der wird verlieren, wenn sein Gegner den Sucker-Punch zuerst landen kann. Natürlich ist ein ungeübtes los preschen genauso fatal.

Kurz gesagt, es geht um die Herangehensweise ans Training. 5 unterschiedliche Verteidigungen gegen einen Revers fassen klingen erstmal doof. Wenn man sie aber unter den oben genannten Aspekten betrachtet, kann dies sehr sinnig sein.

Aber: Freies oder “freieres” agieren sollte immer Teil des Trainings sein. Randori, Sparring und ähnliches gegen einen unkooperativen Gegner (anstatt gegen einen mehr oder weniger motivierten Partner) sollte genau so Teil des Training sein, wie Technik-, Kombinations- und Szenariotraining.

 

(*) Frei nach Mr. Michael Robert Pick Sr.