Angeregt durch Diskussionen und einen Gedankenaustausch, der in einem Kampfkunst Board begann und mitlerweile per eMail weitergeführt wird, möchte ich hier ein paar Gedanken zum DJJV Prüfungsprogramm loswerden.

Ich fange bei Gelb an, geh das Programm von oben nach unten durch, und kommentiere einfach mal fleissig drauf los. Ich hoffe, dass andere Trainer (oder auch Schüler) evtl. die eine oder andere Idee aufgreifen können.

1. Bewegungsformen

Das erste Fach ist “Bewegungsformen“. Also “Arten und Weisen sich zu Bewegen.” Der erste Punkt hier ist die Verteidigungsstellung. Die Verteidigungsstellung ist also nichts statisches, sondern Teil der Bewegung. Eine Momentaufnahme. Wirf man einen Blick auf einen Boxkampf, eine Begegnung in einem MMA-Kampf oder sogar auf einen Kampf nach dem IJJF Ju-Justu Fighting System, so wird man sehr schnell bemerken, dass hier keine Statik im Spiel ist.

Dennoch wird dieser Bereich gerne sehr statisch geübt. Dadurch wird diese Stellung schnell unnat+ürlich und steif, und der Scfhüler neight dazu, sich zu verwurzeln. Was in manchen Situationen eine gute Sache ist, wenn es bewusst geschieht. Aber zu Bewegungsarmut führt, wenn es unbewusst und durchgehend gemacht wird.

Dem Schüler muss klar sein, dass er entweder “beweglich” oder “standfest” sein kann. Aber nicht beides zugleich. Die Verteidigungsstellung sollte ein “Mittelding” sein. Beweglich, aber immer noch stabil genug.

Eine einfach Übung ist es, aus einem natürlichem Stand langsam mit den Füßen auseinander zu wandern, hin zu einer Verteidigungstellung. Und darüber hinaus. Und dann wieder zurück in den Stand. Dies kann man mit gestreckten und leicht gebeugten Beinen wiederholen.

Wenn die Schüler einen Stand gefunden haben, der “für sie passt” kann man die höhe des Körperschwerpunktes variieren. Mein Tipp hierbei: Nicht “Beine beugen” ansagen, sondern “Knie nach aussen drücken.” Dadurch werden die Beine gebeugt, aber gleichzeitig wird eine Spannung aufgebaut, die hilft die Standfestigkeit zu erhöhen.

Nun kommt der Auslagewechsel an die Reihe. Hier muss ich leider sagen, dass die Benamung wirklich komplett am Ziel vorbei geht. Denn laut dem “Ju-Jutsu 1×1” ist der “Auslagewechsel” gar nicht das Ziel dieser Bewegung. Sondern schlicht und ergreifen Distanzverkürzung und Verbesserung der Position zum Gegner.

Daher wäre “Schritt” für zwei der drei  Varianten hier die deutlich bessere Benamung. Hier würde ich vorschlagen von einem normalen Gehen auf Kommando in eine Verteidigungshaltung (VH) zu gehen, dann wieder weiter zu laufen. Wichtig ist, dass man erst mit dem nächsten Schritt in de VH geht. Dann aus dem Gehen mit auf dem Boden schleifenden Füßen. Und dann von der VH in die VH (wobei eine natürliche Armbewegung erhalten bleiben sollte).

Ein weiterer Grund, warum die ersten beiden Varianten umbenamt werden sollten ist die dritte Variante: Der Auslagewechsel auf der Stelle. Denn hier kann ich entweder erst mit dem hinteren Bein nach vorne gehen, und dann mit ehemals vorderen Bein zurück, oder ich kann mit dem vorderen Bein nach hinten gehen, und dann mit dem hinteren Bein vor. Wir haben also bei dieser Form des Auslagewechsels auch die Varianten “nach vorn” und “nach hinten” aber keine einfache Methode mehr, diese zu Unterscheiden. Es gibt hier natürlich auch noch die Variante durch einen Sprung die Beine unter dem Körper zu tauschen, und in der gesamten Bewegung keine Veränderung des Abstands zu haben.

Hier mal ein Beispiel, wie sowas in anderen KKs gehandhabt wird:

 

 

Meidbewegungen sind der nächste Block. Eine gute Sache. Nur funktionieren diese eher nicht mit einem festbetonierten Unterkörper. Daher sollte hier klar gesagt werden, dass dies einer der Fälle ist, in denen Beweglichkeit wichtig ist. Das Gewicht auf den Füßen darf ruhig leicht Richtung Fußballen wandern, und man sollte nicht wie angewurzelt auf einer Stelle stehen bleiben.

 

Zeigt man ihm hier noch eine Schlagbewegung, dann kann der Schüler mit lockerem Schattenboxen anfangen. Schrittdrehungen, Schritte, Gleiten – all das in einer einzigen, praktischen Übung. Die dem Schüler auch direkt etwas gibt, dass er zuhause üben kann.

Tipp an die Prüfer: Eine lockere Runde Schattenboxen am Anfang der Prüfung gibt ein viel besseres Bild der Bewegungen der Schüler als “Abfragen” der Bewegungen in einem komplett statischem Kontext. Wenn eine Bewegungsform nicht gesehen wurde, kann man diese immer noch kurz in der Gruppe machen lassen.

Mein Wunsch wäre hier also ganz klar: Weg von der Statik, hin zur Bewegung. Denn dies gibt dem Schüler direkt das Fundament für die Komplexaufgaben und Freie Anwendungsformen.

Werft mal einen Blick auf den Scrollbalken der Seite. Die Bewegungsformen nehmen eine guten Teil des Gelbgurtprogramms ein. Dafür gibt es sicherlich einen Grund. Zum Beispiel den, dass die Leute lernen sollten sich zu bewegen. Also: erfüllt diesen Bereich mit Leben. Er ist wirklich die Grundlage für das komplette Prüfungsprgramm.

2. Falltechniken

Sturz seitwärts. Zu beiden Seiten. Gute Sache. Zur PO gibt es an dieser Stelle nicht viel zu sagen, zum Fach selbst schon eher. Aber da habe ich ein Video geplant, ähnlich dem zur Rolle vorwärts/ rückwärts.

4. Bodentechniken

Ja, das ist Punkt 4. Punkt 3 wäre eigentlich “Komplexaufgaben”, die werden aber auf Gelb nicht geprüft. Bodentechniken haben in der PO einen Beigeschmack. Sie müssen nicht in Kombination gezeigt werden und beinhalten Positionen und einfache Bewegungsaufgaben. Allerdings finde ich hier die Systematik nicht schlüssig.

In allen anderen Bereichen ist “Gelb” recht SV lastig. Meidbewegungen, Passivblocks, Stoppfußstoß, Handballentechniken, etc. geben alle eine schnelle Verteidigungs- und Kontergrundlage. Am Boden jedoch fehlt dies. Hier sind 3 statische Positionen verlangt, die in den meisten SV Situationen eher unpraktisch sind. Man ist am Boden und hat den Gegner “festgelegt.” Was nun? Hilfe holen: geht nicht, da ich ja keine Hand fürs Handy frei habe und (laut PO) auch keine Option habe den Gegner auszuschalten oder mich sicher zu erheben.

Dieser Punkt wirkt hier sehr lieblos integriert. Auch wird dadurch, dass statische “Haltegriffe” am Anfang stehen, der Grundstein für ein kraftbasiertes, verkrampftes Bodenspiel gelegt.

Alternativen: Mit der Mount beginnen, hier evtl. die Mount als “Angreiferposition” mit Würgen. Trap and Roll Escape, ein einfacher Guardpass und Wechsel. Und schon ist das Ding nicht statisch, man lernt sich am Boden zu bewegen und kann praktisch damit umgehen.

Oh, und es ist kinderleicht:

Hier Varianten zeigen, zB. gegen Schwitzkasten und ein Aufrichten, und man hat ein sehr schönes Bewegungspiel. Hier kann auch Tate-Shiho-Gatamae gezeigt werden, aber eben als eine statische Aktion, als eine Art Sackgasse (mit dem Hinweis, dass man später lernt, was man daraus machen kann, gerade aber Bewegung wichtiger ist, um ein Gefühl für den Bodenkampf zu bekommen).

Des weiteren würde ich einen Übergang-Stand-Boden mit “Schwitzkasten” anregen. Von hier kann dann  mit einer Rolle der Verteidiger in die Oberlage kommen, und man könnte zum oben genannten Spiel wechseln.

Um einen Abschluss zu haben, würde ich entweder einen einfachen Würger oder einen Armbeugehebel aus der Mount vorschlagen. Der Armstreckhebel würde hier zwar auch sehr gut passen, aber selbst der Armstreckhebel bei Bodenlage des Gegners gehört wohl nicht zu den “Bodentechniken.” Hier zeigt sich eine kleine Schwäche bei der Kategorisierung der PO, die bei den meisten Dingen nach “Zweck” aber bei “Bodentechniken” nach Position geht.

Jede dieser Aktionen lässt sich sehr einfach unterrichten, durch die Natur der Übung erhalten die Akteure ein Gefühl am Boden, die Aktionen sind SV relevant und bevorzugen Dynamik über Statik.

5. Abwehrtechniken

Zum gelben Gürtel  sind neben Passivblöcken auch Abwehrtechniken mit der Hand, Grifflösen und Griffsprengen gefragt. Nun passen “passive” Abwehren nur sehr schwer in die normale JJ-Kombination. Normalerweise stehen da ja beide in einer kampfbereiten Haltung, einer holt übertrieben aus, brüllt und lässt ein sehr langsamen Angriff (mit Schritt) auf den Verteidiger niedersegeln.

Da macht natürlich ein Passivblock nur wenig Sinn.

Ändert man aber den Angriff, z.B. zu “Griff an die Schulter von hinten mit Zug und gleichzeitigem Schlag von aussen” , dann muss der Verteidiger sich passiv schützen, da er gar nicht in der Lage ist es anders zu machen.

Ähnliche Angriffe gegen einen Verteidiger in natürlicher Haltung können für die anderen Passivblöcke gefunden werden. Evtl. schaut man sich diesen Teil auch in der später folgenden “Freien Anwendungsform” näher an. Die Frage, die man sich als Prüfer stellen sollte ist: Will ich, dass die Leute auf Gelb das Zeug vorturnen, oder will ich, dass sie es sich als Bewegungsmuster angewöhnen, dass sie auch wirklich unter Stress abrufen können?

6. Atemitechniken

Hier brauche ich nicht viel zu sagen, das passt IMO so weit, insbesondere wenn man die oben erwähnten Punkte beherzigt. Allerdings würde ich vorschlagen die Bewegung zu erklären und dann auf verschiedene Handhaltungen hinzuweisen. Also nicht nur “Handballen” als Waffe zu unterrichten, sondern auch Faust, Hammerfaust und Kralle. Denn dies ist die gleiche Bewegung nur mit einer unterschiedlichen Handkonfiguration. Dies auf mehrere Gürtelgrade zu verteilen macht für mich nur sehr wenig Sinn.

7. Würge- / Nervendrucktechniken

Werden nicht geprüft.

8. Sicherungstechniken

Ich muss gestehen, dass ich bei Zivilpersonen auf Gelb nur sehr wenig Bedarf für diese Techniken sehe, insbes. wenn sie so “unspezifisch” formuliert sind. Gerne werden hier die Haltetechniken gezeigt, was zwar eine sehr pragmatische, aber auch eine sehr schwache und für den Schüler nicht hilfreiche Variante ist. Wenn gewünscht ist, dass ein Gelbgurt am Boden festlegen kann und einen Gegner auch sicher transportieren können soll, dann sollte man dies auch so in der PO festhalten. Ansonsten kann dieser Punkt entfallen, da die notwendige Technik schon Teil einer anderen Prüfungsaufgabe ist.

9. Hebeltechniken

Hebel am Boden würde ich gerne entweder bei “Bodentechniken” oder “Sicherungstechniken” eingeordnet sehen, in diesem Prüfungsfach könnte ich mir aber vorstellen Hebelprinzipien abzufragen, also eine Kurze Verkettung von Armstreckhebeln, durch die der Schüler zeigen kann, dass er verstanden hat, wie so ein Hebel funktioniert.  Was das Körperabbiegen angeht: siehe nächster Punkt.

10.  Wurftechniken

Seit Techniken in Kategorien gesteckt werden, habe ich unterschiedliche Meinungen gehört, ob nun etwas ein Hebel, ein Wurf oder was ganz anderes ist. Typische Beispiele sind “Körperabbiegen”, “Körperrückstoß” und gerne auch mal der “Armstreckhebel zum Boden.”

Das ganze könnte man durch eine Änderung der Prüfungskategorien ändern (“Zu Boden bringen” als Kategorie, und dann hier Varianten durch Hebel, klassische Würfe oder “Niederringen” auflisten). Aber das ist in erster Linie Semantik, und könnte einfach auch vom Prüfer locker gesehen werden.

16. Freie Anwendungsformen

Diese lassen sich recht einfach und schrittweise als Partnervariante der Bewegungslehre einführen. Man übt die Techniken einfach am Partner (in festgelegten Aktionen), macht dann Schattenboxen gegen den Partner (auf Deckunsglücken reagieren, aber deutlichen Abstand halten) und schließlich als lockeres Spielen.

 

Fazit

Ju-Jutsu ist mehr als ein Techniksammelsurium, dass vom Prüfling in Kombinationen gepackt und am Partner vorgeturnt wird. Und es wird Zeit, dass die Trainingsmethodik vom alten “Block-Schock-Wurf-Hebel als Basis” Denken weg geht, und das ganze als eine Einheit wahrnimmt.

Techniken in Kombination sind gut und wichtig. Aber eben nur ein Teil. Und wenn wir uns SV auf die Fahnen schreiben, dann müssen wir uns auch klar machen, dass der Gegner eben nicht still hält und dadurch ein Reckstangangen-Ju-Justu am ausgestreckten Arm des Gegners reine Selbsttäuschung ist. Als Übungsform hat dies durchaus Vorteile. Nur darf man eben den Rest nicht aus den Augen verlieren.

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