In vielen Kampfsportarten werden Selbstverteidigungs-Techniken wie folgt trainiert:

  • Verteidiger und Angreifer stehen ausser Reichweite von einander in Kampfstellung gegenüber
  • Sobald beide bereit sind, wird mit einem abgesprochenen Angriff attackiert
  • Nach Verteidiger wehrt diese Angriff ab un kontert.
  • Der Angreifer reagiert nun auf die Aktionen des Verteidigers möglichst realistisch.

Das ganze kann dann in etwa so aussehen:

Wo ist nun das Problem mit dieser Variante?

Gehen wir mal davon aus, es wäre eine Selbstverteidigungs Situation. Dann wäre das ganze “Setup” nicht schlüssig. Denn wenn sich zwei Leute in kampfbereit gegenüber stehen, ihre Deckung erhoben haben, dann ist dies evtl. eine Duell-Situation. Vielleicht auch eine Wettkampfsituation, aber keine SV. Auch würde niemand versuchen zu umklammern, wenn die Deckung oben ist – bzw. sollte der Versuch vom Verteidiger bereits im Ansatz unterbunden werden. SV Situationen zeichnen sich meist dadurch aus, dass man anfangs eben nicht weiß, wann der Streit wie schnell eskaliert. Und der, der den ersten Angriff führt ist dadurch klar im Vorteil.

Auch haben viele Leute Hemmungen sich schnell und konsequent zur Wehr zur setzen. Nach den ersten Aktionen wartet man meist ab. Versucht zu beschwichtigen. Adrenalin rast. Knie zittern. man fragt sich, was man tun soll. Welche Folgen mögliche Aktionen haben könnten.

Das Problem ist nur, dass ein aggressiver Angreifer diese Skrupel meist eben nicht hat. Er hat dem Verteidiger, der im Training ein freundliches Miteinander gewohnt ist daher etwas voraus. Auch wird einem Kampfsportler immer wieder gesagt welche extremen Folgen eine Technik haben kann. Aber auch dies kümmert einen realen Angreifer wenig.

Wie kann man diese Technik-Übungen etwas realistischer gestallten?

Ehrlich gesagt ist dies mit dieser Form der Übung schwer möglich. Meist sollen hier ja auch eher Techniken geschult werden, und der Schüler meint nur, es wäre in dieser Form SV-relevant. Man kann aber dennoch ein paar Kleinigkeiten ändern.

Andere Ausgangspositionen

Die Kombination aus einer natürlichen Haltung beginnen. Will man eine Situation simulieren, in der man überrascht wird, so können die Arme zum Beispiel locker an den Seiten hängen. Soll ein Vorgeplänkel simuliert werden, so können die Hände in einer gestikulierenden Weise in eine bessere Position gebracht werden. Auch der Angreifer sollte weniger versuchen Karate Kid zu simulieren, und eher provozierend , ggf. von entsprechenden Äußerungen begleitet auf den Verteidiger zugehen.

Das ist hier aber auch schon das Maximum, was an Realismus möglich ist.

Denn der Verteidiger soll ja seine Kombination, ggf. auch eine ganz bestimmte Technik innerhalb dieser Kombination zeigen, bzw. üben können. Daher bleibt das ganze ein Theaterstück, nur die Einleitung bekommt einen anderen Anstrich.

Muss es denn immer SV sein?

Gut. Gehen wir mal davon aus, es wäre keine SV-Situation im klassischen Sinne. Es könnte auch ein “Duell Kampf” sein. Das typisch männliche Ritual von “lass uns das draussen regeln.”

Aber auch hier schlägt der Angreifer gerne mal zurück. Wir sind also näher an Sparrings Situationen. Aber dafür sind die Haltungen, die die meisten Leute einnehmen viel zu statisch. Es wird auch schwer, die so gezeigten Techniken gegen einen unwilligen Partner einzusetzen, da eben genau dies nicht trainiert wurde.

Welche Aufgabe haben dann diese Kombinationen?

Wenn man die Kombinationen sinnvoll erstellt, dann können so Bewegungsmuster und Situationen abgedeckt werden. Dies setzt aber Planung und einen Überblick über alle gelehrten Kombinationen voraus. Definierte Techniken in einer bestimmten Folge um gezielt Bewegungsmuster zu schulen. Im American Kenpo werden auf diese Weise viele Inhalte des Lehrplans vermittelt. Hier eine der Kenpo Techniken aus dem Orange Gurt Programm, die viele Ähnlichkeiten mit einer Ju-Jutsu Kombination aufweist.

Für sich alleine genommen gibt es hier auch kaum Unterschiede. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass der Schüler durch diese Kombinationen bestimmte Bewegungsabläufe drillt. Sie dienen als Kommunikationsmittel (die Kombinationen haben Namen, der Schüler kann sie also als Referenz benutzen) und Methode zur Schulung der Koordination. Ähnlich wie Sinawali in den filipinischen Systemen oder ähnliche Übungen in anderen KKs. Allerdings sind auch diese meist durch das System fest vorgegeben, nur selten vom Schüler erdacht.

Kombinationen in den verschiedenen Kampfkünsten

Über Kenpo habe ich bereits gesprochen. Im Ju-Jutsu werden die Kombination meist von den Schülern entworfen um im Laufe der Kombination eine bestimmte Technik zeigen zu können. Boxer nutzen Kombinationen um automatisch harte Serien von Schlägen auf ihren Gegner absetzen zu können. Judoka üben Aktionsstränge (ich versuche ihn so zu werfen, er kann dies auf eine dieser Weisen verhindern wodurch sich für mich wieder folgende Möglichkeiten bieten). Viele andere KKs nutzen reaktive Drills um schnelle Reaktionen auf bestimme Aktionen des Gegners zu schulen (Beispiel aus dem BJJ: Ich bin in der Mount, Gegner drückt nach oben, ich nutze das aus um einen Armhebel anzusetzen).

Wie trainiere ich für die Ernstfall?

Der wichtigste Punkt ist meiner Meinung nach die Einstellung. Wenn man sich verteidigt, dann richtig. Keine halben Sachen. Sobald man irgend etwas macht, muss dieses “etwas” reichen den Kampf zu beenden. Denn ansonsten wird der Gegner dies tun.

Moderne Hybrid Systeme nutzen gerne einen oder mehrere gut gepolsterte Angreifer, an denen man seine Techniken auch mit einer gewissen Wucht üben kann. Training mit Kontakt und Boxsack und Pratzentraining sind ebenfalls wichtig.

Training unter “realen” Umständen hilft ebenso ungemein. Damen tragen gerne mal Schuhe mit Absätzen, die für die Standfestigkeit nicht gerade förderlich sind. Auch engen Kleidungsstücke gerne den Bewegungsradius ein. Wer gewohnt ist einen Gi-Kittel zu greifen wird bei einem Gegner im T-Shirt erst mal umdenken müssen. Ist der Körper beim Warten auf den Bus schon beinahe steif gefroren, so sind hoch komplexe Bewegungsabläufe meist nicht mehr möglich.

Es sollte also durchaus mal in Strassenkleidung trainiert werden. Gerne auch mal ausserhalb des Dojo.  Die Situation sollte den Verteidiger möglichst stark unter Druck setzen. Er darf nicht mehr in seinem “Wohlfühlbereich” sein.