Bevor ich mich entschlossen habe diesen Artikel zu schreiben, habe ich sehr viele andere Ideen sehr ernsthaft in Erwägung gezogen. Ein YouTube Video, bei dem ich mit beissenden Sarkasmus und lustigen Grafiken meinen Gefühlen freien Lauf lassen kann war bis vor kurzem noch mein Favorit. Die Personen in meinem Umfeld können bestätigen, dass ich in den letzten Tagen sehr oft, seher lange und sehr lautstark meiner Meinung über dieses Büchlein zum Ausdruck gebracht habe.

Und hier kommen wir auch schon zum besten Teil des Buchs: Es ist sehr kurz.

Man kann es sich auch (wenn man einen Kindle hat) via Amazon Prime ausleihen, dann kostet es nicht mal etwas. Ausser Nerven, Zeit und die Chance ein gutes Buch an der Stelle von dem Ding da zu lesen.

Thema verfehlt, setzen, sechs!

Der Autor geht von seiner Situation in seinem Verein aus, und setzt das, was es da zu tun gibt, mit der Aufgabe des Übungsleiters gleich. Für ihn sind alle Aufgaben, die dann so im Rahmen des KK-Verein-Alltags auf einen zu kommen, Teil der Aufgabe des Übungsleiters. Und dadurch verrennt er sich hoffnungslos.

Foto:Chris-Millitt

Foto:Chris-Millitt

Ein Übungsleiter soll, wie der Name schon sagt, ein Übung leiten. Sicher kann eine Person, die auch die Rolle des Übungsleiters inne hat, auch der Organisator für ein Turnier sein, eine Freizeit planen, Werbung für den Verein entwerfen und neben her noch eine Ausbildung zum Jodel Diplom machen – nur hat eben all dies nur bedingt mit der Übungsleiterrolle zu tun. Anteilig steht diese sogar im Interessenkonflikt zu den anderen Rollen.

Ein Übungsleiter sollte in der Lage sein, ausgehend von einem Thema eine Unterrichtseinheit zu planen, durchzuführen und zu überwachen und die Ergebnisse dieser Einheit zu deuten.

Meist ist der Übungsleiter in Personalunion auch dafür verantwortlich zu planen was wann unterrichtet wird,  er gibt sich also selbst das Thema für seine Stunden vor – oder überlegt sich kurz vorher, was man denn so machen könnte, in dem er mal einen Blick ins Prüfungsprogramm wirft. Wobei man diesen Vorwurf wohl kaum dem Autor dieses Buches machen kann, denn der hat wirklich viele, viele, ganz tolle Einfälle, die man nur noch dadurch verbessern kann, in dem man sie mit einem rosa Tutu um die Hüften vorliest.

So schlägt er vor, bei der Vorbereitung auf eine Gürtelprüfung im Ju-Jutsu doch mal “Wo seid ihr?” zu spielen. Dieses Spiel ist total toll. Da gehen nämlich zwei Schüler raus, der Rest überlegt sich einen Ort (er nennt hier “Supermarkt”, “Entbindungsstation” und auch “Audienz beim Pharao”) und wenn die zwei wieder reinkommen, dann müssen sie raten, wo sie gerade sind. “Die 90 Minuten vergingen wie im Fluge” schreibt hier der Autor.

Und wer meint, dass as sicher eine Ausnahme ist, dem kann ich versichern: Nein, ist es nicht. Er teilt auch gerne Zettel mit Begriffen aus, und gibt den Leuten 15 Minuten Zeit um sich eine tolle, fantasievolle Geschichte zu überlegen.

WTF? Ernsthaft? Was zum Geier geht da vor?

Ich stell mir gerade vor, wie ein paar Ringer mal vorbei kommen, um sich das Training bei den Leuten in den Pyjamas anzusehen, und dann nach dem Aufwärmspiel (er ist übrigens ein Freund von Ballspielen zum Aufwärmen. Ich frage mich in solchen Fällen immer, ob er als Basketballtrainer mit seinen Leuten Ju-Jutsu zum Aufwärmen machen würde)  nach seinen super-duper-Spezialregeln sich 15min lang eine fantasievolle Geschichte überlegen sollen.

Irgendwo im Buch findet sich auch ein ganz tolles Bild, auf dem ein “Ritterturnier” gezeigt wird. Also, ein Erwachsener spielt das Pferd, ein anderer sitzt oben drauf, und mit einer gewaltigen Poolnudel macht man ganz tolle Ritterspiele. Wäre dies Teil eines allgemeinen Bespassungsprogramms für Kinder im Vor- oder Grundschulalter würde ich ja evtl. nichts sagen, aber… WTF?

Fremdschämen

Neben einer sehr hohen WTF?!?!? / Minute Rate kam beim Lesen auch noch ein sehr hoher Fremdschämfaktor auf. Dieses Büchlein wird vom DJJV im Shop vertrieben, und diverse Funktionäre haben sich sehr lobend ausgelassen.

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Und evtl. ist dies ja auch das Bild, dass diverse Leute vom (DJJV) Ju-Jutsu haben. Bespaßung auf RTL Niveau sorgt sicher dafür, dass alle ganz toll drauf sind. Nur würde ich in einem Buch, das sich der Aufgabe des Übungseiters widmet, auch irgendwo was zu den Aufgaben des ÜL finden.

Ist es ganz schlecht? Nein, natürlich nicht. Der Autor gibt auch gute Tipps. So ist er zum Beispiel der Meinung, dass Rassismus ja keine gute Sache sei, und dass man das nicht durchgehen lassen sollte. Bravo sag ich da. Das musste mal gesagt werden.

In dem Büchlein sind hier und da die eine andere andere gute Aussage enthalten. Nur leider ist es in etwa so, als würde man ein paar Pralinen in dem größtem Kuhfladen der Welt verstecken. Zum einen macht das Suchen nach den Pralinen keinen Spaß, und wenn man sie gefunden hat, weiss man auch woher sie kommen und will sie dann eigentlich nicht mehr haben.

Wer der Meinung ist, ich übertreibe, darf sich gerne mal den Auszug auf Amazon ansehen, der als Voransicht verfügbar ist. Ich empfehle hier vor allem den Teil über die “Übungsleitertypen”. Denn hier gibt es nach Herrn Seidel diese Typen:

  • Den Macher
  • Den Ängstlichen
  • Den Ausgebrannten
  • Den Unangemessen Selbstbewussten
  • Den Feierabendleiter

Der Macher ist unser aller Held. Der geht so ab, und macht so unglaublich viel. Neben seiner Aufgabe als ÜL. Aber ich hatte ja vorher schon gesagt, dass die Rolle des ÜL für den Autor irgendwie das große Alles ist, was irgendwie mit dem Kampfsportverein zu tun hat.

Der Ängstliche vergleicht sich mit anderen, vor allem aber mit dem Macher, und sagt immer wie schlecht er  ist. Hier rät der Autor zum “Mut zur Lücke.” Augen zu und durch! Wird schon gut gehen! Die Schüler können noch weniger, die merken sicher nicht, das man nur Mist vor macht, und in ein paar Jahren können sie dann selbst den Mist in schlimmerer Form mit Mut zur Lücke an die nächste Generation vermitteln! The Show must go on, und wenn man fachlich keinen Plan hat, dann lässt man eben eine Audienz beim Pharao vorspielen. Weiss eh keine wie sowas ausgehesen hat, ausser es gab mal wieder nen alten Charlton Heston Film in der Glotze. Die waren evtl. auch nicht korrekt, aber das ist bei der Pharaoaudienz genauso unwichtig wei im restlichen Training. Hauptsache alle haben Spaß.

Foto: emdot

Ob die auch Fantasiegeschichten im Training erzählen durften?
Foto: emdot

Der Ausgebrannte war mal ein Macher, hat aber inzwischen keinen Bock mehr. Das liegt aber daran, dass der Ausgebrannte nicht etwa ausgbrannt ist (wie der Name vermuten lassen würde), nein der Ausgebrannte trainiert nur selbst nicht genug. Warum er dann der Ausgebrannte genannt wird, steht da nicht. Hier befolgt der Autor einfach mal seinen eigenen Ratschlag, lässt “Fünfe grade sein” und zeigt Mut zur Lücke. Aber so ein Ausgebrannter kann ganz, ganz böse Folgen haben. So hat mal so einer nur Helfer das Training machen lassen. Und selbst nach 2 Jahren hatten die Kinder keine Gürtelprüfung gemacht. Ja-ha! Das Problem war also nicht, dass niemand den “Helfern” mal gezeigt hat, wie man ein Training gibt (innerhalb der 2 Jahre), oder dass man sich mal nach nem anderen Trainer umgesehen hätte (ich wiederhole: 2 Jahre!). Und es geht in erster Linie auch um die Gürtelprüfung, nicht ob die Kinder in dem, was sie da so auf der Matte tun besser geworden sind. Also in so Dingen die Körpergefühl, Fallschule, Einsatz des Körpergewichts, Balance, Mechanik beim Schlagen, Treten, Werfen, nein, darum geht es nicht. Der neue Gürtel muss um die Hüften, dann ist der Rest nicht so wild, und die “Motivation” wird sich schon einstellen. Aber hier hat er ganz tolle Ratschläge. Nur halt nicht den einen, sich eben einen gescheiten Lehrer zu suchen, und den Rat an die Eltern so nen Mist nicht mitzumachen.

Der unangemessen Selbstbewusste kann nichts, hält sich aber für den Macher. Das Ergebnis ist wie beim Ausgebrannten, und hier wird dann endlich auch geraten mal den Trainer zu wechseln. Merke: Schlechtes Training durch Personen die sich nicht für gut halten ist OK (siehe die vorhergehenden Punkte), von Leuten, die sich für besser halten als sie sind, aber nicht. Es geht also nicht um das Training, sondern um die Präsentation, aber die Idee findet sich ja überall in dem Buch.

Der Feierabendleiter hat ein festes bewährtes Programm. Seine Schüler gehen gerne hin, er macht aber nichts neues und mag keine “innovative Trainingsmethoden.” Klingt jetzt für mich nach “wer nicht Pharao spielen will, der ist nur so ein dummer Feierabendleiter”, aber evtl. lese ich hier durch die Bank zuviel Mimimimimimimimimi raus. Hm. Nee. Ich glaub, der meint das echt so, und hat einfach mal den Frust mit seinem Bekanntenkreis in Buchform gegossen.

Und das war es. Sonst gibt es da nichts. Das sind die Typen an Übungsleitern die es gibt. Punkt. Aus. Basta.

An wen richtet sich dieses Buch?

Wohl an Leute, die vor haben selbst zu unterrichten. Und das macht mir Angst. Auf ganz, ganz vielen Ebenen.

Man findet allerdings auch positive Stimmen zum Buch. Was mir auch sehr viel Angst macht. Gerade Leiter von Kindergruppen haben sich positiv geäußert. Versteht mich jetzt nicht falsch, aber WARUM LASST IHR SOLCHE LEUTE EURE KINDER TRAINIEREN?

Bei Thors Bart, bildet doch eure Leute gescheit aus. Oder wenn ihr vor habt zu unterrichten, informiert euch. Es gibt Bücher. Sogar gute. Zur Trainingslehre. Zum Aufbau von Kinder und Jugendstunden. Von Fachleuten. Lest die. Seht euch das Training an anderer Stelle an. Gerne auch in ganz anderen Sportarten. Tischtennis zum Beispiel. Keine Ahnung, aber nicht dieses Buch. Ich bitte euch.

Nicht dieses Buch.

Bitte nicht.

 

“Die Demokratur auf meiner Matte” – Seidel, Holger; 16,95€ bei amazon.de